Via dolorosa

Heute spaziere ich einfach so durch Jerusalem und lasse mich treiben. Eine italienische Reisegruppe diskutiert wild durcheinander und plötzlich schultert einer ein mannshohes Kreuz. Er setzt sich in Bewegung, seine 30 Mitreisenden folgen ihm.

Ich lande im Innenhof der armenischen Kirche. Ein junger Spanier lädt mich ein, mit ihm zu beten. Als ich ihn auf den guten Geruch nach Schokolade aus seinem Mund anspreche, hält er mir eine Schachtel mit Pralinen hin und wir reden über Gottes Schöpfung und die schönen Dinge im Leben.

Er macht er mich auch mit einer Französin bekannt, die auf einem Treppenvorsatz sitzend ein Buch liest. Sie hat sehr kurze schwarze Haare, einen knalligen Lippenstift und trägt Brille. Sie ist 29 Jahre alt. Als sie in der Schule mit Philosophie in Kontakt kommt, bricht sie sofort die Schule ab und geht von Nordfrankreich nach Korsika, wo sie ein Kind bekommt. Irgendwann wird sie psychisch krank, das Kind wird der Familie ihres Mannes zugeschrieben und jetzt ist sie auf Sinnsuche und scheint mir auf einem guten Weg zu sein.

Royal Dutch Shell und die Ölreserven

Die letzte Nacht schlage ich mir bei einer Motto-Party in einer der angesagtesten Szenekneipen im Studentenviertel von Jerusalem um die Ohren. Ich komme mit Harold ins Gespräch. Er arbeitete früher für die Royal Dutch Shell als führender Wissenschaftler bevor er das „Blue Shell“ eröffnet.

Wir plaudern ein wenig über die Ölgeschäfte, Saudi-Arabien, den Jom-Kippurkrieg und natürlich auch die autofreien Sonntagen in Deutschland im Jahr 1973.

Harold, der eigentlich Dr. Harold Vinegar heißt, geht davon aus, dass Israel riesige Vorräte an Ölschiefer besitzt und schon bald Saudi-Arabien auf dem Ölmarkt überrunden wird.

http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/153922

Akko und Cäsarea

In Jerusalem steppt der Wolf und mir ist danach, ans Meer zu fahren. Akko ist wunderschön. Wir stehen im Innenhof einer Moschee, in der ein Barthaar des Propheten verehrt wird. Die Moschee ist weiß und hat frisch gestrichene grüne runde Dächer und Türen. Das Grün ist so wunderschön grün.

Ich laufe auf Google maps herum und laufe erst in die falsche Richtung. Dann drehe ich mich um und flitze in Richtung des blauen glitzernden Meeres… komme aber leider nicht richtig ran an den Strand.

Eine weiße Katze mit bunten Flecken liegt gemütlich in der Sonne herum. Wir gehen durch die ummauerte Altstadt mit den riesigen Befestigungsanlagen und besichtigen die Kreuzfahrerbauten dann fahren wir weiter entlang der Küste des Mittelmeeres nach Cäsarea am Meer, der Stadt des Herodes, der römischen Statthalter, der Byzantiner und Kreuzfahrer: Besichtigung der umfangreichen neuen Ausgrabungen, des Theaters, der Kreuzfahrerstadt und des Aquädukts.

Caritas-Baby-Hospital in Bethlehem

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Wie immer stelle ich mir morgen den Wecker auf sechs Uhr, um die weitere Reise durch Israel zu planen. Ich suche die Adresse des Kinderkrankenhauses, um den Ort
dann auf google maps zu fotografieren, aber finde nur eine Adresse in Luzern, wo die Spenden verwaltet werden.
Als Orientierung in Israel/Palästina dient mir folgende Angabe: „Das Krankenhaus liegt direkt am Weg von Jerusalem zur Geburtskirche in Bethlehem – nur 200 Meter nach dem israelischen Checkpoint auf der palästinensischen Seite“.
Wir besuchen das Caritas-Baby-Hospital in Betlehem und erfahren dort über deren Arbeit mit Kindern und Familien. Wir treffen eine deutsche Entwicklungshelferin, die kurz vor ihrer Heimreise steht, weil die Einsätze immer nur auf drei Jahre begrenzt sind. Sie hat einen süddeutschen Akzent, blaue Augen und ein sehr liebes Gesicht mit lockigen Haaren. Was sie erzählt, untermalt sie immer wieder mit einem charmanten Lächeln und doch bin ich sehr geschockt von ihrem Bericht.
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Die Idee, ein Kinderkrankenhaus zu bauen, bekam ein Deutscher (oder Schweizer?) 1948 in einem arabischen Flüchtlingslager. Es kann im Winter sehr kalt werden in der Nähe von Bethlehem und so passierte es, dass ein Vater mit einem toten Säugling aus einem Zelt kam. Dieser Anblick schockte den Gründer des Krankenhauses so sehr, dass er sofort anfing Spenden zu sammeln. Seit 1975 gibt es eines großes Haus mit 92 Betten. Diese Gründungsgeschichte erzählte mir ein Mitarbeiter im Krankenhaus. Im Internet finde ich außerdem folgendes Zitat: „1952 haben der Schweizer Pater Ernst Schnydrig, der palästinensische Arzt Dr. Antoine Dabdoub und die Schweizerin Hedwig Vetter in einer spontanen Aktion das Caritas Baby Hospital gegründet“. Wer hier Genaueres weiß, bitte gerne kommentieren.
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In der Geburtsstation werden Kinder bis zwei Jahren und behinderte Kinder betreut. Außerdem erhalten Familien in Not finanzielle Beihilfe. Sie zählt uns die hier typischen Krankheiten auf: In der Gegend um Hebron sind sehr viele Steinfabriken, die Feinstaub verursachen. Aus diesem Grunde leiden viele Kinder unter Atemwegserkrankungen wie Reizhusten, Bronchitis und Asthma. Wegen mangelnder Hygiene gibt es viele bei uns leicht zu vermeidende Magendarminfektionen. Eine Chirurgie ist zu kostenintensiv und Kinder, die operiert werden müssen, gehen nach Jerusalem. Allerdings ist jeder Krankentransfer von einem hohen bürokratischen Aufwand begleitet. Erst einmal müssen lange Anträge ausgefüllt werden, damit ein krankes Kind überhaupt reisen darf, die Zweitstaatenlösung bringt es mit sich, dass Palästina unter Mandat von Jordanien steht und Eltern meist nicht mit ins israelische Krankenhaus dürfen. Stattdessen kümmern sich dann im besten Fall die Verwandtschaft in Ost-Jerusalem um die Kinder.
Der Transport zum Krankenhaus ist durch die vielen schlechten Straßen sehr schwierig. Während die israelischen Autobahnen sehr modern und gut ausgebaut sind, müssen die Araber auf sehr schlechten Seitenstraßen fahren, die zudem immer wieder kontrolliert und abgesperrt sind. Die Westbankzone verändert sich ständig, indem immer neue Zonen eingezeichnet werden.
Es gibt in den palästinensischen Autonomiegebieten sehr viele Behinderte, weil es immer noch üblich ist, Verwandte zu heiraten. Sehr traurig sei sie immer, wenn zwar behinderte, aber trotzdem sehr intelligente Kinder nicht in die Schule dürfen, weil das Land zu arm für gute Schulbildung für alle ist.
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Krankheit im palästinensischen Autonomiegebiete ist ein sehr großes Risiko und die Menschen fürchten sie sehr, da sie keine Vorsorge und keine Krankenversicherung hier haben. Generell ist es üblich, dass die Kranken 15 Schekel pro Monat dem Krankenhaus geben, Wohlhabende zahlen mehr und sehr Armen werden die Kosten erlassen. Die Kinderhilfe in der Schweiz spendet teilweise kostenlos Medikamente. Sehr schlecht geht es den Beduinen, die verelenden und sie weist auf den vorigen sehr langen, nassen Winter hin, unter dem alle gelitten haben.

Yad Vashem

Mit dem Taxi fahre ich eine gute halbe Stunde durch verschiedene Jerusalemer Viertel zum Yad Vashem. Es liegt ein wenig abseits in einem grünen Tal und ich mache draußen auf einer Bank erst einmal eine Pause, um „anzukommen“. Auf dem großzügigen Vorplatz kommen Busse an und viele Jeeps mit jungen Soldatengruppen. Neben meiner Bank ist ein riesiger Haufen mit abgestellten Gewehren, die 30 bis 40 schwarzen Gewehre sind kreisförmig mit nach oben gestreckten Gewehrkolben aufgestellt, als sollte auf einer Bühne ein Lagerfeuer nachgestellt werden.

Ich muss an die Worte des alten Pastors denken, den ich beim Frühstück kennengelernt habe. Er will den Palästinenser helfen. „Zionisten sind Rassisten“ erklärt er mir und vergleicht die abgeriegelten palästinensischen Dörfer mit den Ghettos der Juden im Zweiten Weltkrieg. Eine Dresdnerin erzählt vom eigenen Hunger als Kind und den Bombennächten und dass sie sich ein Leben lang mit der NS-Zeit auseinander gesetzt hat. Auch die Berufsschullehrerin scheint jahrelang schwer an der deutschen Geschichte getragen zu haben. Offen spricht sie aus, dass die aktuelle Reise mit Schwerpunkt auf Palästina für sie eine Wohltat sei, weil sie ihr schlechtes Gewissen ablegen könne. Es irritiert mich, wie deutlich sie Position für die Palästinenser und gegen die Israelis ergreifen.

Ich mag den Ansatz der Gedenkstätte Yad Vashem, die sich vor allem auf das Erinnern an die vielen Opfer durch eine Würdigung der Privatnamen konzentriert. Als erstes gehe ich durch eine Allee mit Bäumen, die zu Ehren der vielen Helfer der Opfer gepflanzt wurde. Im Jahr 1962 wurde die „Allee der Gerechten unter den Völkern“ eröffnet.

Im ersten Jahrzehnt seines Bestehens wurde in Yad Vashem die Gedenkhalle errichtet. Die Halle liegt auf dem Mittelpunkt des Berges und hier brennt die ewige Flamme, und die Asche von Opfern aus den Vernichtungslagern wurde hier beigesetzt. Die Wände sind aus dicken, runden Steinen der Gegend und von oben drückt eine dunkle Betonwand, es gibt einen Spalt zwischen Wänden und Dach, durch die ein wenig Licht in den dunklen Innenraum fällt. Es fällt ein bisschen Tageslicht ein, aber auch Vögel können hineinfliegen, um den Ort zu beleben, wie ich von dem französischen Pastor oder Rabbi erfahre.

Auf dem hinteren Gelände der Gedenkstätte gibt es oberhalb des Ausstellungsgebäudes einen Garten durch den ein Weg mich zu einem mit zufällig angeordneten Steinen führt, die mit spitzen, verrosteten Metalldrähten oberhalb grausam durchstochen werden. Der Weg führt mich weiter in eine enge Sackgasse, dann durch eine kleine runde Höhle auf dem ich ein Kindergesicht als Steinrelief sehe. Traurige Musik holt mich aus der Enge und führt mich in einen versteckten Weg, der nach links führt und irgendwie verliere ich die Orientierung durch die abgedunkelten Spiegel und die unendlich vielen Kerzen oder ist es nur ein einzige tausendfach gespiegelte Kerze? Eine Stimme liest auf Englisch oder Jiddisch Namen von Kindern und Jugendlichen vor mit einer Angabe ihres Alters und Sterbeortes. Die Stimme trägt zur Orientierungslosigkeit bei und kommt immer wieder aus einer anderen Richtung. Die Kinder-Gedenkstätte wurde aus einer unterirdischen Höhle herausgeschlagen und erinnert an die 1,5 Millionen Kinder, die während des Holocaust umkamen.

Neben dem Neuen Museum für Holocaustgeschichte enthält der Museumskomplex auch das Neue Museum für Holocaust-Kunst. Die Räume zeigen Ansichten von Ghettos und Lagern. Die Künstler schufen ihre Werke am Rande ihres körperlichen und psychischen Zusammenbruchs und hatten praktisch keine Materialien. Charlotta Salomon (1917-1943), einer jungen Künstlerin, ist eine Sonderausstellung in einigen Räumen gewidmet. Zufällig habe ich in den Sommerferien den Roman „Charlotte“ von David Foenkinos gelesen.

http://www.deutschlandfunkkultur.de/david-foenkinos-charlotte-malen-um-nicht-verrueckt-zu-werden.950.de.html?dram:article_id=330183

Ihre Gouache-Zeichnungen sehen transparent wie Aquarelle aus. Aus ihrem Jugendzimmer hat sie aus dem Fenster die Machtergreifung der Nazis gemalt. Später flüchtet sie nach Südfrankreich und malt weiter, bis sie von den Nazis aufgegriffen und schwanger umgebracht wurde.

https://www.yadvashem.org/visiting/photogallery.html

Nazareth und der See Genezareth

Heute fahre ich nach Nazareth. Ich bin überrascht, dass es diesen Ort tatsächlich und tatsächlich auch auf Google Maps gibt. Nazareth ist Heimat der Familie Jesu und heute größte arabische Stadt in Israel. Ich fühle mich wie an meinem ersten Tag in Tel Aviv… auf Google Maps zu reisen gibt mir ein ungeschminktes „realistisches“ Bild und ich verlaufe mich.

Die bedeutendste Sehenswürdigkeit Nazareths ist die katholische Verkündigungskirche. In einer Grotte befindet sich der Brunnen, wo Maria erfuhr, dass sie schwanger wird. Dann gehen wir in eine moderne Kirche. Im Eingangshof hängen 20 moderne Mosaike, die alle Maria mit einem Kind abbilden und aus Spanien, Venezuela, Polen, Italien, Korea, Japan und vielen anderen Ländern stammen. Jedes Land hat das Bild anders gestaltet. Bei den Asiaten blickt mich eine Maria mit schwarzen Haaren und schmalen Augen an. Die Deutschen haben als einzige Nation zwei Kinder dargestellt: Ein Junge und ein Mädchen sind symbolisch durch eine Mauer getrennt, um auf die ehemalige Trennung des deutschen Staates hinzuweisen. Im riesigen Kirchenraum scheint das Licht dunkelrot durch die wenigen Fenster.

Anschließend fahre ich weiter nach Kafarnaum, „Stadt Jesu“, wo Gassen und Häuser aus römischer, Synagoge und „Kirche des Petrushauses“ aus der byzantinischen Zeit freigelegt und teilweise restauriert wurden. Ich sitze mit einer Psychoanalytikerin in einem Park und philosophiere über die Liebe und die Bindungsfähigkeit von Menschen. Irgendwie ist es beruhigend mit ihr zu reden, menschliche Gefühle werden zu logischen Dynamiken, die sich auf gemachte Erfahrungen des einzelnen zurückführen lassen. Kapernaum gehört zu den bedeutenden Wirkungsstätten Jesu. Hier heilte er Aussätzige und Besessene und beruhigte bei der Überfahrt einen gewaltigen Sturm (Matth. 8, 23-27).

Markus ist der erste, der Geschichte rund um Jesus aufschreibt, anschließend schreiben Matthäus und Lukas wie Schüler ihre Hausaufgaben bei ihm ab und verändern sie ein wenig und schreiben einige Erzählungen dazu. Auf dem See Genezareth ist hoher Wellengang und wir sitzen in einem Boot, das den Booten aus der Zeit Jesu nachempfunden sind. Der See ist zwanzig Kilometer lang, zehn Kilometer breit und mit 50 Meter sehr tief. Die weißen Möwen begleiten uns und unter uns, tief auf dem Grund des Sees gibt es Salzwasser, das durch das Gewicht des Süßwassers hinuntergepresst wird. Wenn es im Sommer viel Trinkwasser abgepumpt wird, besteht immer die Gefahr, dass sich das Salzwasser hochdrückt und den „Wassertopf der Nation“ gefährdet.

Dann mache ich noch eine Wanderung hinab zum Seeufer nach Tabgha zur Kirche der Brotvermehrung mit ihren herrlichen byzantinischen Mosaiken. Die meisten der kleinen Steine sind cremeweiß und in Bögen angeordnet, die Steine in Orangerot, Rosa und Dunkelbraun umrahmen, die kleine Blumen darstellen. An einer anderen Stelle sind wunderschöne Vögel abgebildet. Und vor allem freue ich mich darüber, endlich ganz nahe am Ufer des Sees von Genezareth zu sein. Ein sehr friedlicher See und ich bin mir sicher, dass ich gerade Jesus über der Oberfläche laufen sehe.

Bad news…

Seit Tagen liege ich mit Fieber im Bett und inhaliere israelischen Eukalyptus und habe meinen Rückflug am Sonntag verpasst, weil ich nicht aus dem Bett kam.

Ich kann mich noch gut an Julias Kommentar erinnern, als die Reise losging: „Oh, Reisen ohne CO2 Fußabdruck!“. Liebe Julia, schlechte Nachrichten… lese gerade im Buch „The Age of Earthquakes“, dass die ganze Datenverarbeitung online 50 Prozent mehr Energie verbraucht als der weltweite Flugverkehr. Das wusste ich noch nicht. Jetzt fühle ich mich richtig mies-mies-mies: Flug verpasst und das ganze Projekt mit der Israelreise erscheint mir plötzlich in einem ganz anderen Licht.

Mit Erkältung im Hotelzimmer

Einige Tage falle ich vollkommen aus. Ich nutze die Zeit zum Schlafen, aber lese endlich auch „Sweet Occupation“ von Lizzy Dorin.

https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/buecher/buch-der-woche/sweet-occupation-100.html

Außerdem lese ich mir viel von Judith Bernstein durch. Sie hat gemeinsam mit ihrem Mann eine ganze Seite mit vielen Artikel zum Thema Israel und Palästina zusammengestellt.

http://www.judith-bernstein.de

Nabila Espanioly

Tagelang lag ich im Bett und habe fast ganz vergessen, dass ich noch in Israel bin. Endlich kann ich wieder weiter auf Entdeckungstour gehen…
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Im Al Tufula-Zentrum spreche ich mit Nabila Espanioly über die Situation der arabischen Minderheit. Sie ist das siebte von acht Mädchen gewesen und ihre Mutter wartete hartnäckig auf einen Jungen. Alle wachsen gemeinsam in einem christlich-palästinensischen Viertel auf, in der sich jeder kennt.
Ganze Viertel heißen nach einer Familie, weil dort über die Zeit immer mehr Familienangehörige ihre Häuser bauten. Alle Menschen wollen dort wohnen bleiben, wo sie geboren wurden. Als sie als Klassenbeste in Haifa Sozialarbeit studieren will, wird sie das erste Mal mit der israelischen Realität konfrontiert. Obwohl sie gute Noten hat, wird sie an der israelischen Universität immer wieder abgelehnt.
Sie zeigt auf die Hügel der Stadt, auf denen nur noch Juden bauen dürfen, die Christen erhalten kein Bauland mehr und müssen ihre Häuser aufstocken und in immer beengteren Umständen wohnen. Sie arbeitet als Chefin einer Sozialstation, die sich für Kindergartenkinder und ihre Mütter einsetzt.
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Am Nachmittag komme ich mit einer „Französin“ ins Gespräch. Genau genommen wurde sie in Tunesien geboren. Sie erzählt mir, wie ihre Familie immer wieder heftig diskriminiert wurde, weil sie jüdischen Glauben sind. „Wir wurden auf der Straße angespuckt und angepöbelt“. Die Familie zieht in den 1980er Jahren nach Paris, wo sie sich sofort gut integrieren und die Staatsbürgerschaft annehmen. Aber vor fünf Jahren entscheidet sie sich mit ihrer Familie nach Israel auszuwandern: „In Frankreich haben wir irgendwann nicht mehr sicher und zuhause gefühlt. Israel ist auch gefährlich, aber hier sind wir im Alltag nicht isoliert“. Sie versteht, dass die Siedlungspolitik der Israelis kritisch gesehen wird, aber sie zuckt mit den Schultern und meint: „Wo sollen wir denn hin?“